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8 Fragen an: Karsten Packeiser

In diesem Artikel stelle ich Dir Karsten Packeiser vor, einen echten Russlandexperten. Karsten betreibt mit dem Rhein-Wolga-Kanal auch einen eigenen Blog über Russland, der viele tolle Reiseberichte und wichtige Informationen zu einer Reise nach Russland enthält. Schau hier unbedingt einmal vorbei! Er lebte 11 Jahre in Moskau und ist seit einigen Jahren mit seiner Frau und seinen Kindern nun wieder zurück in Deutschland.

In diesem Interview gibt Karsten sehr interessante Einblicke in sein Leben in Russland und seine Erfahrungen mit Land und Leuten. Er spricht über seine Lieblingsstadt, interessante Reiseziele und auch die russische Küche.

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1.) Wie bist Du zum ersten Mal mit Russland in Kontakt gekommen?

An meinem Gymnasium in Schleswig-Holstein wurde Russisch als dritte Fremdsprache angeboten, und das war damals wesentlich spannender, als Französisch zu lernen. Denn zu meiner Schulzeit fing Michail Gorbatschow gerade damit an, im „Ostblock“ einmal kräftig durchzulüften. 1990 konnte ich an einer der ersten Schüleraustausch-Reisen zwischen Westdeutschland und der Sowjetunion teilnehmen. Weil ich meine Austausch-Russin überaus attraktiv fand, bin ich bald nach dem Abitur zum Studieren nach Moskau gegangen und statt der zunächst geplanten zwei Semester gleich elf Jahre, von 1995 bis 2006, dort geblieben.

2.) Was fasziniert Dich am meisten an diesem großen Land?

Mich beeindruckt, welche kulturellen Schätze in Russland zu allen Zeiten und auch unter widrigsten Umständen entstehen konnten. Dass Genies wie Bulgakow oder Prokofjew selbst während der finstersten Stalin-Zeit Romane und Kompositionen von Weltrang hinterlassen haben und dass in der Tristesse der späten Sowjetunion die besten Kinderfilme der Welt produziert wurden. Und dann ist da der Kontrast zwischen dem riesigen, weiten Land und den überfüllten Metropolen. Die Russen drängeln sich in wenigen großen Städten und leben häufig in furchtbar hässlichen Hochhäusern, obwohl doch so unendlich viel Platz da wäre. Beide Extreme muss man erlebt haben – die Moskauer Metro im Berufsverkehr und die menschenleere Taiga irgendwo im Nirgendwo.

3.) Was ist Deine Lieblingsstadt / Dein Lieblingsort in Russland?

Besonders gern bin ich in Kasan an der Wolga, weil man von den Leuten dort lernen kann, wie Christen und Muslime vernünftig miteinander klarkommen, wenn jeder den anderen respektiert. Außerdem gibt es in Russland viele unglaublich schöne Naturlandschaften. Das Wolgadelta mit seinen Lotosblumen und Pelikanen oder die hügeligen Grassteppen bei Orenburg finde ich grandios. Und wenn ich abends über den Roten Platz in Moskau spaziere, bekomme ich noch immer jedes Mal eine Gänsehaut - so viel Weltgeschichte, wie dort in der Luft schwebt.

4.) Welche Orte willst Du in Russland unbedingt noch besuchen?

Das würde eine lange Liste werden. Ich war noch nie am Weißen Meer und würde dort gern einmal auf den Solowezki-Inseln die Belugawale beobachten. Unbedingt möchte ich einmal in die Vielvölker-Republik Dagestan im Kaukasus, wo in den Bergen nahezu in jedem Dorf eine andere Sprache gesprochen wird. Zu den Vulkanen und Geysiren von Kamtschatka zu reisen, wäre auch noch so ein Traum, aber das ist als Familienurlaub leider nicht finanzierbar. Und die ganz große Bahnfahrt von Moskau nach Wladiwostok oder Peking haben wir auch noch nicht gemacht.

5.) Was denkst Du über die russischen Leute / die russische Mentalität?

Am allermeisten verwundert mich bis heute das Fehlen jeglicher feindseliger Gefühle gegenüber uns Deutschen. Angesichts der unermesslichen deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkriegs ist das alles andere als eine Selbstverständlichkeit. Manchmal habe ich auch das Gefühl, dass in Russland ein Leben in größerer Freiheit möglich ist, als in Deutschland. Ich meine damit natürlich keine politischen Freiheiten, denn bei denen gibt es tatsächlich große Defizite. Aber in Russland verplanen die meisten Menschen ihr Leben nicht Monate oder Jahre im Voraus, sie kommen oft noch ohne Terminkalender aus. Der russische „Way of Life“ mit seiner Spontanität, der Gewissheit, dass man sich auch bei existenziellen Problemen auf seine Freunde verlassen kann, und den endlosen tiefgründigen Gesprächen am Küchentisch gefällt mir.

6.) Was ist Dein russisches Lieblingsgericht?

Zur russischen Küche habe ich ein gespaltenes Verhältnis. Den russischen Rote-Beete-Eintopf Borschtsch mag ich sehr gern. Und an der Tradition, sich im Frühjahr während der sogenannten Butterwoche gegenseitig zu besuchen und Unmengen russischer Pfannkuchen zu verzehren, halten wir auch in Deutschland nach Möglichkeit fest. Aber manche Dinge finde ich verstörend, zum Beispiel, dass die Russen es lieben, ihre Salate in Mayonnaise zu ertränken. Mein kulinarisches Paradies ist der Kaukasus. Wenn wir in Russland sind, versuche ich, so oft es geht Georgisch essen zu gehen.

7.) Wann hast Du Deinen Blog gestartet und warum?

In den vergangenen Jahren bin ich recht häufig von Bekannten angesprochen worden, die sich gerne einmal ein Bild von Russland machen wollten, aber Vorbehalte hatten, ob man denn dort einfach so hinfahren könne. Dass viele Deutsche ganz selbstverständlich zu exotischen Zielen nach Asien oder Amerika fliegen, sich aber eine Fahrt nach Russland nicht zutrauen, fand ich schon immer absurd. Dann gingen bekanntlich die deutsch-russischen Beziehungen dramatisch in die Brüche. Ich habe überlegt, ob ich nicht auch irgendetwas dagegen machen sollte, dass die Menschen in unseren Ländern sich immer fremder werden, nur, weil irgendwer wieder Kalter Krieg spielen will. Im November 2016 bin ich mit meinem Rhein-Wolga-Kanal ins Netz gegangen.

8.) Welche Ziele hast Du noch mit Deinem Blog?

Mir fällt es einfacher zu sagen, welche Ziele ich nicht habe: Ich will mich nicht mit Politik befassen, denn dafür ist die Situation im Moment viel zu trostlos. Ich will mit meinem Blog auch kein Geld verdienen. Mein Wunsch ist, dass ab und zu jemand, der noch nie in Russland war, neugierig auf dieses Land wird. Und wenn außerdem erfahrene Russland-Reisende in meinem Blog herumstöbern und gelegentlich ein paar Infos finden, die sie selbst noch nicht kannten, wäre das auch ganz in meinem Sinne.

Hat Dir das Interview mit Karsten gefallen? Was hältst Du von diesem Format? Ich freue mich auf Deine Rückmeldung! Schau auch unbedingt auf Karsten's Blog vorbei!

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